PSYCHOLOGISCHES ZENTRUM
LEIBNITZ, KALSDORF, LIEZEN, BRUCK
Mag. Dr. Inge Unterleitner
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Zwangsstörung (nach Dr.Hans Morschitzky)

1. Symptomatik der Zwangsstörung

2. Zwangshandlungen

3. Zwangsgedanken

4. Unterscheidung von Zwangsstörungen gegenüber anderen Störungen

 

 

 

 





1. Symptomatik der Zwangsstörung

Zwangsähnliche Phänomene treten auch bei vielen gesunden Menschen auf: Gehen entlang bestimmter Linien, nicht auf bestimmte Fugen steigen, Vermeiden bestimmter Bodenplatten, Lesen-Müssen aller Autokennzeichen oder Werbeplakate, Zählen von Randsteinen, Treppenstufen, Autos oder Glockenschlägen, übermäßige Genauigkeit in bestimmten Bereichen, verschiedene stereotype Gewohnheiten und Rituale, mehrfaches Nachzählen der Geldscheine auf der Bank bei Abhebung eines großen Geldbetrags, wiederholte Kontrollen des Ofens, der Gas- und Wasserhähne, der Wohnungstür oder des Gepäcks vor Urlaubsreisen, mehrfache Kontrollen beim Auto nach einer unangenehmen Panne, leicht magische Praktiken, um das Glück zu erzwingen (z.B. Einsetzen der Geburtsdaten bei den Lottozahlen, Klopfen auf Holz, "toi-toi-toi"-Rufe), gedankliches Beharren auf einzelnen Worten, Sätzen oder Melodien u.a. Es handelt sich dabei um keine lebensbeeinträchtigenden Denk- und Verhaltensgewohnheiten, sondern oft um Strukturierungshilfen für das Leben. Der Gesunde kontrolliert bei Unsicherheit gewöhnlich nur einmal und gewinnt Sicherheit, der Zwangskranke bleibt unsicher.

Zwangsstörungen umfassen Zwangsgedanken bzw. Zwangsimpulse und Zwangshandlungen.

Ausschnitt aus ICD-10 über die Zwangsstörung:

"Wesentliche Kennzeichen dieser Störung sind wiederkehrende Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Zwangshandlungen sind Ideen, Vorstellungen oder Impulse, die den Patienten immer wieder stereotyp beschäftigen. Sie sind fast immer quälend, weil sie gewalttätigen Inhalts oder obszön sind, oder weil sie einfach als sinnlos erlebt werden; erfolglos versucht die betroffene Person, Widerstand zu leisten. Sie werden als eigene Gedanken erlebt, selbst wenn sie als unwillkürlich und häufig als abstoßend empfunden werden. Zwangshandlungen oder -rituale sind ständig wiederholte Stereotypien. Sie werden weder als angenehm empfunden, noch dienen sie dazu, an sich nützliche Aufgaben zu erfüllen. Die Patienten erleben sie oft als Vorbeugung gegen ein objektiv unwahrscheinliches Ereignis, das ihnen Schaden bringen oder bei denen sie selbst Unheil anrichten könnten. Im allgemeinen, wenn auch nicht immer, wird dieses Verhalten von der betroffenen Person als sinnlos und ineffektiv erlebt. Sie versucht immer wieder, dagegen anzugehen, bei sehr lange andauernden Störungen kann der Widerstand schließlich minimal sein. Vegetative Angstsymptome sind häufig vorhanden, aber auch quälende innere Anspannung ohne auffällige vegetative Stimulation."

Ausschnitt aus ICD-10 über Zwangsgedanken oder Grübelzwänge:

"Diese können die Form von zwanghaften Ideen, bildhaften Vorstellungen oder Zwangsimpulsen annehmen. Sie sind inhaltlich sehr unterschiedlich, aber für den Betreffenden fast immer quälend. Eine Frau kann beispielsweise von der Furcht gequält werden, dem Impuls, ihr geliebtes Kind zu töten, nicht mehr widerstehen zu können, oder unter einer obszönen oder blasphemischen und ich-fremden wiederkehrenden bildhaften Vorstellung zu leiden. Manchmal sind diese Ideen einfach sinnlos und bestehen in endlosen pseudophilosophischen Überlegungen unwägbarer Alternativen. Diese unentschiedene Betrachtung von Alternativen ist ein wichtiger Teil vieler zwangshafter Grübeleien, häufig verbunden mit der Unfähigkeit, triviale, aber notwendige Entscheidungen des täglichen Lebens zu treffen. Die Beziehung zwischen Grübelzwang und Depression ist besonders eng ..."

Ausschnitt aus ICD-10 über Zwangshandlungen (Zwangsrituale):

"Die meisten Zwangshandlungen beziehen sich auf Reinlichkeit (besonders Händewaschen), übertriebene Ordnung und Sauberkeit oder wiederholte Kontrollen, die eine möglicherweise gefährliche Situation verhindern sollen. Diesem Verhalten liegt die Furcht vor einer die betreffende Person bedrohenden oder von ihr ausgehenden Gefahr zugrunde. Das Ritual ist ein wirkungsloser, symbolischer Versuch, diese Gefahr abzuwenden. Zwangshaft rituelle Handlungen können täglich stundenlang ausgeführt werden und sind manchmal verbunden mit besonderer Entschlusslosigkeit und Langsamkeit. Im allgemeinen sind Zwangshandlungen bei beiden Geschlechtern gleich häufig. Handwaschrituale sind bei Frauen häufiger, eine Verzögerung der Handlungsabläufe ohne Wiederholung bei Männern."

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2. Zwangshandlungen

Zwangshandlungen werden gewöhnlich in folgende Typen unterschieden:

Wasch- und Säuberungszwänge. Reinigungszwänge haben eine starke Ähnlichkeit mit phobischem Vermeidungsverhalten. Die Angst vor Verunreinigung durch verschiedene Substanzen und deren vermeintliche Folgen (Tod, Krankheit, Unglück) bewirkt ein derartiges Unbehagen, dass oft stundenlange Wasch- und Reinigungsprozeduren einsetzen. Besonders gefürchtet werden Körperausscheidungen (Schweiß, Urin, Kot, Menstruationsblut, Vaginalsekret, Samen), Schmutz (Erde, Fußboden), Keime jeder Art (z.B. bei Abfällen, öffentlichen Toiletten, Türgriffen), Bakterien und Viren, Krankheiten (z.B. AIDS), bestimmte chemische Substanzen oder Tiere als Überträger gefährlicher Krankheitserreger. Wasch- und Putzzwänge sollen befürchtetes Unglück wie Tod oder Krankheit verhindern oder einfach nur das Gefühl des Wohlbehagens wiederherstellen. Reinigungszwänge ufern im Laufe der Zeit immer mehr aus, weil aufgrund möglicher Kontakte und Übertragungen immer mehr Bereiche als verunreinigt angesehen werden. Die Angehörigen müssen bald dieselben Reinigungsrituale einhalten, um jede Verunreinigung zu vermeiden. Eltern, Gatte bzw. Kinder fügen sich oft erstaunlich geduldig den Reinigungsvorschriften des Zwangskranken oder (was seltener vorkommt) wehren sich erbittert gegen diese Anordnungen, sodass in der Familie ständige Spannungen gegeben sind. Menschen mit Waschzwängen haben einen hohen Verbrauch von Warmwasser, Seife und Handtüchern. Das Badezimmer wird oft stundenlang nicht verlassen und damit für andere unzugänglich.

Kontrollzwänge. Die Angst vor einer Katastrophe ("Durch mein Verhalten könnte jemand ein Unglück erleiden"; "Ich könnte für einen Fehler bestraft werden") führt z.B. zu übermäßiger Kontrolle des Ofens, anderer Elektrogeräte, der Wasser- und Gashähne, der Türen und Fenster, bestimmter beruflicher oder privater Tätigkeiten. Die Betroffenen haben ein übertriebenes Verantwortungsgefühl für eventuelle Fehler und Folgen für andere Menschen. Oft werden Arbeiten immer wieder kontrolliert, um Fehler und damit soziale Kritik zu vermeiden. Die durchgeführten Kontrollen werden ständig bezweifelt, sodass sie immer wieder neu ausgeführt werden müssen. Zur Rückversicherung müssen oft noch Personen des besonderen Vertrauens kontrollieren. Magische Praktiken können dazu verwendet werden, lange Kontrollrituale abzukürzen, und haben in diesem Sinn eine ökonomische Funktion.

Ordnungszwänge. Ein bestimmtes, persontypisches, oft nicht näher begründbares festes Ordnungssystem dient zur Strukturierung der Lebensumwelt. Bettzeug, Wäsche, Kleidung, Zahnbürsten, Schuhe, Wohnungsgegenstände, Schreibtisch-Utensilien, Arbeitsgeräte u.a. müssen nach einem ganz bestimmten Muster angeordnet sein. Oft spielt die symmetrische oder millimetergenaue Ausrichtung eine große Rolle. In ihrem Perfektionsdrang verbringen die Betroffenen oft Stunden damit, alles "richtig" an seinen Platz zu stellen. Wenn die Ordnung oder Symmetrie nicht eingehalten wird, könnte ein Unglück passieren, was große innere Unruhe auslöst. Ordnungsrituale können den Charakter einer magischen Schutzwirkung ausüben. Niemand darf daher das etablierte Ordnungssystem verändern.

Wiederholungszwänge (Wiederholen von Handlungen, Worten, Sätzen, Zahlen oder Gebeten). Wiederholungsrituale dienen der Abwehr oder Neutralisierung etwaiger Katastrophen, auch wenn keinerlei logische Beziehung besteht zwischen der Zwangsbefürchtung ("Meine Mutter könnte bald sterben"; "Mein Gatte könnte fremdgehen") und der Zwangshandlung. Es handelt sich um Rituale wie bestimmte stereotype Bewegungen, ständiges An- und Ausziehen, Zählen-Müssen nach einem bestimmten Muster, Handlungen unter dem Diktat einer bestimmten Zahl, d.h. man muss eine bestimmte Zahl von Stunden arbeiten, Blätter beschreiben, Arbeitsschritte wiederholen, ansonsten muss die ganze Arbeit noch einmal gemacht werden, um ein Unglück zu verhindern oder das Gefühl der Unvollkommenheit zu beseitigen. Wiederholungszwänge haben eher magischen als logischen Charakter. Bei Wiederholungszwängen gibt es oft keine äußere Situation als Auslöser.

Sammeln, Stapeln und Horten. Bestimmte Gegenstände werden oft jahrelang gesammelt und gehortet, auch wenn sie gar nicht gebraucht werden. Nichts kann weggeworfen werden aus Angst, es könnte irgendwann doch einmal gebraucht werden. Sammeln vermittelt das Gefühl der Kontrolle über die Umwelt und der Absicherung gegenüber der Zukunft. Horten in der Wohnung führt häufig zu Platzmangel, Unordentlichkeit und Unbehaglichkeit für die Familienmitglieder. Zwanghafte Sammler setzen ihrer Sammelleidenschaft keinen Widerstand entgegen und werden erst unruhig, wenn die Angehörigen Druck machen, verschiedene Sachen endlich wegzuwerfen.

Primäre zwanghafte Langsamkeit, d.h. Handeln im "Zeitlupentempo", wo alle Alltagshandlungen extrem viel Zeit in Anspruch nehmen, ohne dass dieses Verhalten eine Folge einer anderen Zwangssymptomatik darstellt, kommt zwar selten vor, verhindert dann allerdings oft die berufliche und soziale Integration.

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3. Zwangsgedanken

Zwangsgedanken treten in zwei Formen auf:

Zwangsbefürchtungen und Zwangsimpulse, die durch ein kognitives oder verhaltensbezogenes Ritual neutralisiert werden. Es bestehen große Befürchtungen um ein bevorstehendes Unheil, eher auf andere, nahestehende Personen bezogen als auf die eigene Person. Der Zwangskranke glaubt, daran irgendwie schuld zu sein und fühlt sich für die Abwendung der Katastrophe verantwortlich. Oft bestehen Zwangsgedanken mit aggressivem Inhalt gegen nahestehende Personen. Zwangsvorstellungen führen zu Angst- und Unruhezuständen, die durch bestimmte Rituale kurzfristig erfolgreich reduziert werden können. Die Zwangsgedanken stehen in völligem Widerspruch zum Wertsystem der Betroffenen (dies macht geradezu ihr Wesen aus): gotteslästerliche Gedanken eines frommen Menschen, aggressive Impulse eines Pazifisten, Mordphantasien einer überbehütenden Mutter gegenüber ihrer kleinen Tochter. Die Zwangsgedanken ("Ich werde jemand umbringen") lösen Ängste aus, die durch beruhigende, je nach Bedarf wechselnde zwanghafte Gegengedanken ("Ich darf niemand umbringen") zu bewältigen versucht werden. Die kognitiven Rituale wirken kurzfristig angst- und spannungsreduzierend wie die Verhaltensrituale bei Wasch- oder Kontrollzwängen.

Denkzwänge bzw. zwanghaftes Grübeln (z.B. "Ich komme in die Hölle"; "Was habe ich Schlechtes gesagt bzw. getan?"). Bestimmte Zwangsgedanken führen zu zwanghafter Beschäftigung mit den entsprechenden, meist unbestimmten Inhalten. Derartige Gedankenzwänge haben meistens einen angstverstärkenden Effekt, weil sie durch keinen Gegengedanken wirksam neutralisiert werden können.

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3. Unterscheidung von Zwangsstörungen gegenüber anderen Störungen

Es bestehen deutliche Unterschiede zwischen Phobien und Zwangsstörungen. Der Aspekt der persönlichen Verantwortung stellt ein zentrales Unterscheidungsmerkmal dar. Phobien bestehen in der Erwartung einer gefürchteten Katastrophe, auf die man keinen Einfluss zu haben glaubt, Zwangsstörungen sind dagegen charakterisiert durch ein großes Gefühl der Verantwortung für die erwartete Katastrophe, verbunden mit Schuldgefühlen, sollte diese nicht abgewendet werden können.

Konkrete Unterscheidung von Phobien und Zwängen

Phobien bestehen durch dauernde Sorgen um ein zentrales Thema, Zwangsstörungen dagegen beinhalten stereotype, wiederholte Gedanken und Handlungen

Bei Phobien verursachen spezielle Situationen (Busse, Hunde usw.) Angst und Panik, bei Zwangsstörungen gelten Schmutz, Berührung, Verletzung usw. als mögliche Quelle der Beunruhigung.

Die Angstsituation ist bei Phobien üblicherweise benennbar und konkret und sie löst Angst- und Panikgefühle aus. Bei Zwangsstörungen hingegen sind die Angst und Unruhe zum Teil reizunspezifisch, Reize allgemeiner Art werden vermieden (z.B. Staub), (zukunftsbezogen); ausgelöst werden Unbehagen, Unruhe, Ekel, Ärger,...

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