PSYCHOLOGISCHES ZENTRUM
LEIBNITZ, KALSDORF, LIEZEN, BRUCK
Mag. Dr. Inge Unterleitner
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Leseschwäche - Rechtschreibschwäche - Dyslexie - Legasthenie

1. Was ist eine Lese-, Rechtschreibschwäche (Dyslexie; Legasthenie)?

2. Wie erkenne ich, ob ein Kind eine Lese-, Rechtschreibschwäche (LRS) hat?

3. Wie häufig ist eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS)?

4. Sind Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens immer durch eine LRS bedingt?

5. Bleiben die Symptome einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) immer gleich?

6. Werden Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben im Laufe der Entwicklung überwunden?

7. Legasthenietraining

 

 

 

 

 





1. Was ist Lese-, Rechtschreibschwäche (Dyslexie; Legasthenie)?

"Legasthenie" ist die Bezeichnung für Schwächen beim Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechtschreiben, die nicht durch Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, unzureichenden Unterricht oder negative soziale Einflußfaktoren erklärbar sind. Mit der Lese- und Rechtschreibstörung (ICD-10) können Teilleistungsschwächen der Wahrnehmung, der Motorik, der Seitendominanz und eine Beeinträchtigung des Spracherwerbs zusammentreffen. Trotz regelmäßigem Schulbesuch und ausreichendem Beherrschen der deutschen Sprache sind die betroffenen Kinder nicht in der Lage, ausreichend Lesen und Rechtschreiben zu erlernen.

Wesentlich ist, dass es kein einheitliches Erscheinungsbild der Lese-, Rechtschreibschwäche gibt, sondern bei jedem Betroffenen eine individuelle Ausprägung vorhanden ist. Somit kann ein Training erst dann sinnvoll sein, wenn der individuelle Förderbedarf festgestellt wurde. Sachgerechte Hilfe und frühzeitiges Erkennen können mithelfen, dass die Betroffenen eine normale Schullaufbahn erleben und Sekundärsymptome so weit wie möglich ausbleiben.

Verhaltensauffälligkeiten, die vielfach als Konsequenz ständiger Misserfolgserfahrungen auftreten, müssen berücksichtigt und eventuell eine psychologische Beratung zugezogen werden. Zu Verhaltensproblemen gesellen sich meist auch Konzentrationsmangel, Merkstörungen, Ablenkbarkeit, Bewegungsüberschuß oder ein Mangel an Ausdauer. Hier ist es günstig Entspannungstechniken zu erlernen und die Konzentrationsdauer zu erhöhen. Das zumeist negative Selbstbild des "Legasthenikers" ist geprägt von der Angst zu versagen. Ein verständisvoller Umgang, der bei den Stärken des Betroffenen ansetzt und sich nicht an den Fehlern orientiert ist deshalb Voraussetzung für eine effektive Förderung.

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2. Wie erkenne ich, ob ein Kind eine Lese-, Rechtschreibschwäche hat?

Es gibt sehr unterschiedliche Probleme, die auf das Vorliegen einer Lese-, Rechtschreibschwäche hinweisen können. Im Vordergrund stehen Probleme beim Verschriftlichen von Wörtern und Erlesen von einzelnen Buchstaben und Wörtern.

Beim Rechtschreiben in den ersten drei Schuljahren haben die Kinder große Schwierigkeiten, einzelne Buchstaben zu unterscheiden und zu schreiben. Trotz Unterstützung fällt es den Kindern besonders schwer, für das gehörte Wort die richtigen Buchstaben zu finden. Einzelne Buchstaben werden weggelassen oder auch zusätzlich eingefügt. Zum Beispiel wird anstatt "Haus" nur "Has" geschrieben, anstatt "Sonne" nur "Sne". Zum Teil werden nur Wortruinen verschriftlicht. Auch das Abschreiben aus einem Buch oder von der Tafel gelingt nicht fehlerfrei. Zusätzlich ist oft die Handschrift unleserlich.

Beim Lesen fällt es den Kindern schwer, die einzelnen Laute zu verbinden. Zum Beispiel wird beim Wort Sonne nur der Anfang "So" lautiert, das Zusammenfügen mit den nachfolgenden Lauten mißlingt jedoch. Insgesamt ist die Lesegeschwindigkeit erheblich herabgesetzt, einzelne Wörter werden mit großer Mühe nacheinander gelesen und der Sinn des Satzes wird häufig nicht verstanden.
Bei einzelnen Kindern fallen die Rechtschreibprobleme erst auf, wenn in der Schule ungeübte Diktate geschrieben werden.

In der dritten und vierten Klasse treten zusätzlich zu den Schwierigkeiten im Fach Deutsch Schwierigkeiten in anderen Fächern auf. Da für fast alle Fächer das Lesen Grundlage für den Wissenserwerb darstellt, sind diese Kinder in allen Schulfächern benachteiligt. Dies führt manchmal dazu, dass Kinder als dumm bezeichnet werden und das allgemeine Leistungsversagen auf mangelnde kognitive Fähigkeiten zurückgeführt wird. Dass der Hintergrund für die Schulschwierigkeiten eine LRS ist, kann erst durch eine eingehende Diagnostik festgestellt werden.

Die Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben fallen auch bei den Hausaufgaben auf. Dies führt nicht selten dazu, dass verstärkt geübt wird. Obwohl seitens des Kindes und der Eltern viel Zeit und Mühe für das Üben aufgewandt wird, macht das Kind nur geringe, teilweise auch gar keine Fortschritte. Dies führt oft zu Spannungen zwischen den Eltern und dem Kind, da auf beiden Seiten schuldhaftes Versagen vermutet wird. In Folge dieser Entwicklung entstehen psychische Probleme beim Kind in Form von Ängsten, Traurigkeit, Herumkaspern und zum Teil sogar aggressivem Verhalten.

Diese emotionalen Probleme und Verhaltensschwierigkeiten sind gerade bei Kindern mit LRS in der dritten und vierten Klasse häufig erst der Auslöser für eine eingehende Untersuchung.


Wenn das Kind grössere Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens zeigt, wenn es später beim Lesen immer noch sehr unsicher ist und/ oder die Rechtschreibung erheblich unter dem Durchschnitt liegt, kann es sich um Legasthenie handeln. Dabei ist nicht ausschlaggebend, ob die Leistungen in den übrigen Fächern und im Rechnen durchschnittlich oder besser sind. Auch diese Leistungen können durch die legasthenischen Störungen und ihre Auswirkungen bereits beeinträchtigt sein.
Folgende Symptome können darauf hinweisen, dass ein Kind förderungsbedürftige Schwierigkeiten im Bereich des Lesens oder Rechtschreibens hat.

An eine LRS ist nicht nur bei Kindern mit einem spezifischen Versagen im Deutschunterricht zu denken. Schwierigkeiten, schriftlich gestellte Aufgaben zu erfassen (z. B. Textaufgaben in Mathematik) bzw. schriftliche Ausarbeitungen anzufertigen, können zu Schulproblemen in praktisch allen Fächern führen. Somit ist auch bei einem allgemeinen Schulversagen eine LRS in Erwägung zu ziehen und diese als Ursache auszuschließen.
Allerdings fallen nicht selten LRS-Kinder zuerst durch psychische Probleme (Versagensangst, mangelndes Selbstwertgefühl, Traurigkeit), Störungen des Sozialverhaltens (Wutanfälle, Aggressionen) oder psychosomatische Beschwerden (Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen an Schultagen) auf, die Folge ständiger Misserfolgserlebnisse in der Schule sein können. Eine LRS muss somit auch bei Kindern, bei denen derartige Beschwerden im Vordergrund stehen, berücksichtigt werden.

Eventuelle frühkindliche Anzeichen:

verspäteter Sprachbeginn;
Sprachfehler (oftmals vorübergehend);
Artikulationsschwäche;
mangelnde Auge-Hand-Koordination;
Schwierigkeiten sich auf neue Situationen einzustellen;
Aufmerksamkeitsschwäche.

Mögliche Anzeichen im Schulalter:

Lesen

Große Fehlerhäufigkeit beim lauten Vorlesen
undeutliche, verwaschene Aussprache;
große Schwierigkeiten beim Erlernen von Lesen und Schreiben;
sehr langsames, fehlerhaftes Lesen;
Häufige Selbstkorrektur
Auslassen von Vokalen und Endsilben;
Buchstaben können kaum zu Wörtern zusammengezogen werden;

Mühsames Erlesen von Buchstaben, Silben oder ganzen Wörtern
Wörter im Text werden nur aus dem Sinnzusammenhang erraten;
Sinnverständnis von gelesenen Texten fällt schwer
Abwehrhaltung zum Lesen

Rechtschreibung

Vermeidungsverhalten
Viele Fehler beim Abschreiben
Viele Fehler beim freien Schreiben
für Schreibarbeiten wird überdurchschnittlich lange gebraucht;
Probleme beim Niederschreiben mündlicher Anweisungen;
häufige Verwechslung ähnlicher Wörter und Buchstaben.
Verwechslung ähnlicher Buchstaben (z.B. b / d) im visuellen Bereich
Verwechslung ähnlicher Buchstaben (z.B. ö / ü; g / k) im auditiven Bereich
Auslassen von Buchstaben, Wortteilen oder Satzteilen
Vertauschung der Reihenfolge von Buchstaben
Texte sind weitgehend unlesbar

Verhalten

Schulangst
Geringes Selbstwertgefühl
Aggressivität
Überzogenes Verhalten (Klassenclown)
Konzentrationsprobleme
Merkstörungen (z.B.
Schwierigkeiten im Erinnern von Reihenfolgen)
Einnässen
Motivationslosigkeit
Psychosomatische Beschwerden (z.B. morgendliche Übelkeit, Bauchschschmerzen etc., besonders vor Dikateten )
Hat Mühe, sich an Abmachungen zu halten.

Motorik

Hyperaktivität
Verkrampfte Schreibhaltung
Undeutliches Schriftbild, Schwierigkeiten beim Einhalten der Ränder und Linien
Motorische Unruhe oder Passivität

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3. Wie häufig ist eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS)?

Bei ca. 4 % aller Kinder tritt eine LRS auf. Jungen sind etwa 3-mal häufiger als Mädchen betroffen. Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen wird mit 3-4:1 angegeben.
Eine LRS ist nicht auf das Kindesalter beschränkt, sondern auch noch im Erwachsenenalter von Bedeutung. Nach Haffner et al. (1998) erreichen 4 % aller deutschen jungen Erwachsenen nur ein durchschnittliches Rechtschreibniveau von Viertklässlern.
Eine LRS kommt in allen bekannten alphabetischen Sprachen vor. Durch die Verschiedenheit der Schulsysteme in einzelnen Kulturen sind Ergebnisse von Untersuchungen in unterschiedlichen Ländern schwer miteinander zu vergleichen.

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4. Sind Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens immer durch eine LRS bedingt?

Eine Lese-Rechtschreibstörung ist nur eine von vielen möglichen Ursachen für Schwierigkeiten beim Erwerb der Schriftsprache. Bevor mit einer spezifischen LRS-Therapie begonnen wird, muss deshalb erst ausgeschlossen werden, dass die Schulprobleme durch andere Ursachen bedingt sind.
Wenn Probleme beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens auftreten, ist insbesondere an folgende Möglichkeiten zu denken:

Allgemeine Lernschwäche
Konzentrationsstörung
Unzureichender Unterricht
Ungenügende Förderung durch das Elternhaus
Konflikte (so dass sich das Kind nicht ausreichend auf das Lernen konzentrieren kann)
innerhalb der Schule (z. B. mit Mitschülern oder Lehrern)
familiäre Konflikte
Störungen des Sozialverhaltens mit unzureichender Lernmotivation
Sehstörungen
Hörstörungen
Mit einer verminderten Belastbarkeit einhergehende chronische Erkrankungen
Spezifische neurologische oder psychiatrische Erkrankungen

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5. Bleiben die Symptome einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) immer gleich?


Die Symptome einer LRS ändern sich im Laufe der Zeit. Im Vorschulalter zeigen viele der späteren LRS-Kinder eine Sprachentwicklungsstörung. Im frühen Schulalter stehen Lesestörungen und Probleme beim lautgetreuen Schreiben im Vordergrund. Im späteren Schulalter und im Erwachsenenalter ist eine Rechtschreibstörung am ausgeprägtesten. Unter den späteren Rechtschreibfehlern dominieren Regelfehler (z. B. Groß-/Kleinschreibung, Dehnungsfehler) und Fehler durch ein Nichtbeachten von Ausnahmen.

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6. Werden Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben im Laufe der Entwicklung überwunden?

Zu Beginn der Schullaufbahn ist der weitere Verlauf einer LRS hinsichtlich der Lese- und Rechtschreibleistungen noch nicht sicher vorherzusagen. Etwa ein Drittel der Kinder, die in der 1. bzw. 2. Klasse erhebliche Probleme beim Erwerb der Schriftsprache zeigen, holen den Rückstand relativ schnell auf (Spätstarter). Kinder bei denen auch noch in der 3. Klasse ein deutlicher Rückstand zu beobachten ist, haben in der Regel bis ins Erwachsenenalter hinein Schwierigkeiten mit der Schriftsprache. Die Entwicklung von Leseleistung, Leseverständnis und Rechtschreibfähigkeit verläuft allerdings unterschiedlich.

Leseleistung:
Hinsichtlich der Fähigkeit, laut zu lesen, erreichen LRS-Kinder in der Regel relativ gute Fortschritte. Diese sind insbesondere dadurch bedingt, dass sie sich das gesamte Wortbild einprägen und viele Wörter aus dem Sinnzusammenhang erraten, statt sie zu erlesen. Das exakte, buchstabengetreue Lesen hingegen fällt meist bis ins Erwachsenenalter hinein schwer, so dass unbekannte Wörter nur mühsam gelesen werden. Eine Überprüfung der Lesefähigkeit jenseits des Grundschulalters erfolgt deshalb am zuverlässigsten mit Pseudowörtern bzw. Pseudotexten.

Leseverständnis:
Das Leseverständnis zeigt meist eine sehr gute Besserungstendenz, so dass bei vielen Erwachsenen mit einer LRS keine nennenswerten Beeinträchtigungen im Leseverständnis mehr nachweisbar sind.

Rechtschreibfähigkeit:
Im späteren Schulalter und im Erwachsenenalter stehen Rechtschreibschwierigkeiten im Vordergrund. Obwohl auch LRS-Kinder durch ein gezieltes Training und ein häufiges Üben ihre Rechtschreibfähigkeiten im Laufe der Jahre deutlich verbessern, erreichen sie nicht die Leistungen von Kindern ohne eine Lese-Rechtschreibstörung. Da die anderen Kinder schneller hinzulernen, wird bei vielen LRS-Kindern der Abstand zu Gleichaltrigen im Laufe der Schuljahre sogar immer größer.

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7. LRS-Training

Da das Erscheinungsbild der Legasthenie nicht einheitlich ist kann nur ein individuell angepasstes Training effektiv sein.

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