|
ADHS Aufmerksamkeits Defizit-/
Hyperaktivitäts Syndrom
1. Definition der ADHS (Aufmerksamkeits
Defizit-/ Hyperaktivitäts Syndrom)
2. Häufigkeit von
AD(H)S
3. Folgen der AD(H)S
4. Typische weitere Auffälligkeiten
bei Kindern mit AD(H)S




1. Definition der ADHS
(Aufmerksamkeits Defizit-/ Hyperaktivitäts Syndrom)
Ich werde im folgenden die Bezeichnung AD(H)S benutzen,
da dies das Krankheitsbild am umfassendsten beschreibt und die heute
in Fachkreisen gebräuchliche Abkürzung darstellt.
ADHS ist gekennzeichnet durch:
Aufmerksamkeitsstörung
Impulsivität
Hyperaktivität
Konzentrationsstörung
ADHS liegt demzufolge vor, wenn unaufmerksames und
impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität
ausgeprägt sind, nicht dem Alter und Entwicklungsstand entsprechen
und zu Störungen in den sozialen Bezugssystemen, der Wahrnehmung
und im Leistungsbereich von Schule und Beruf führen.
Hierbei treten die Symptome vor dem 7. Lebensjahr auf und dauern
länger als ein halbes Jahr!
Leitsymptome im Grundschulalter z.B.:
Mangelnde Regelakzeptanz in Familie, in Spielgruppe und Klassengemeinschaft
Stören im Unterricht
Wenig Ausdauer
Starke Ablenkbarkeit
Emotionale Instabilität
Geringe Frustrationstoleranz
Chaotisches Ordnungsverhalten
Andauerndes Reden
Geräuscheproduktion
Überhastetes Sprechen
Unpassende Mimik, Gestik, Körpersprache
Ungeschicklichkeit
Häufige Unfälle durch mangelndes Gefahrenbewusstsein
Keine dauernden sozialen Bindungen, Außenseitertum
Niedriges Selbstbewusstsein
Sekundärsymptome im Grundschulalter z.B.:
Schlechte Schrift
LRS (Lese- Rechtschreib Schwäche)
Dyskalkulie (Rechenschwäche)
Aggressives Verhalten
Wutanfälle
visuelle und akustische Wahrnehmungsprobleme
Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie ein
solches Kind das Familienleben und oder das Schulleben beinträchtigen
kann.
Daneben gibt es aber auch häufig zu beobachtende positive Eigenschaften
wie:
Ideenreichtum
Künstlerische Kreativität
Begeisterungsfähigkeit
Hilfsbereitschaft
Gerechtigkeitssinn
Enorme Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer, bei Dingen die
es interessiert (Hyperfokussierung)
zurück zur Übersicht




2. Häufigkeit von
AD(H)S
Werden die diagnostischen Kriterien der DSM-IV zugrunde
gelegt, dann ergibt sich ein durchschnittlicher Prozentsatz von
9,2 % bei Jungen und 2,9% bei Mädchen in Alter von 6 - 10 Jahren.
D.h. bei einer Klassenstärke von ca. 30 Schülern ist davon
auszugehen, dass etwa 2 -3 Schüler an einer ADHS leiden.
Die geringere Prozentzahl bei Mädchen bedeutet nicht unbedingt,
dass sie tatsächlich weniger betroffen sind. Sie fallen üblicherweise
weniger auf, da bei ihnen die Variante ohne Hyperaktivität
überwiegt.
ADHS kommt dabei in allen Bevölkerungsschichten in annähernd
gleicher Häufigkeit vor.
zurück zur Übersicht




3. Folgen der AD(H)S
Kinder mit einer AD(H)S nehmen die Umwelt anders,
unvollständig und langsamer wahr als gleichaltrige gesunde
Kinder und verarbeiten diese auch noch unvollständig.
Nicht selten entstehen hieraus:
Entwicklungsstörungen, z.B. Sprach- und Motorikentwicklung
Lernstörungen
Schulschwierigkeiten bis hin zum Schulversagen
Störungen des Verhaltens
Familiäre Schwierigkeiten
Weitere soziale Schwierigkeiten (Freundeskreis) bis hin zur Isolierung
und Ausgrenzung, nicht nur des Kindes sondern der ganzen Familie
zurück zur Übersicht




4. Typische weitere
Auffälligkeiten bei Kindern mit AD(H)S
Verzögerung in der Entwicklung
Neben dem Beginn der typischen Symptome im frühen Kindesalter
und der Stabilität der Auffälligkeiten ist das wichtigste
zusätzliche Kriterium für die Diagnose AD(H)S eine seelische
Entwicklungsverzögerung von zwei Jahren oder sogar mehr. Die
Kinder wenden sich vorzugsweise jüngeren Spielkameraden zu,
sind für ihr Alter auffallend verspielt und wirken unreif.
Schlagartiges geistiges Ermüden
Typisch ist auch ein schlagartiges Nachlassen der Aufmerksamkeit
bei langwierigen oder auch für die Kinder uninteressanten Aufgaben,
während sie bei spannenden Themen oder Tätigkeiten genauso
schlagartig hochaufmerksam werden können.
Wutanfälle
Wutanfälle mit Zerstörungswut finden sich mit entnervender
Regelmäßigkeit auch bei winzigsten Anlässen. Die
Kinder sind dann völlig blockiert, nicht ansprechbar und außer
Kontrolle. Danach fühlen sie sich sehr schuldig und sind über
sich selbst entsetzt.
Beschwichtigungsversuche verschärfen die Situation eher als
dass sie zu einer Beruhigung führen. In dieser Situation hilft
nur eine Auszeit, in der die Erregung sich langsam vermindern kann.
Danach sollte der Wutanfall nicht mehr thematisiert werden. Verbales
Aufarbeiten solcher "Ausraster" führt bei diesen
Kindern und Jugendlichen nur zu einem erneuten Wutanfall.
Verzögerte Wiedergabefähigkeit
Viele Kinder klagen darüber, dass sie sich unmittelbar nach
einem Ereignis oder etwas neu Erlernten nicht richtig daran erinnern
können. Sie brauchen mehr Zeit, bis die Informationen "eingesickert"
sind.
Hausaufgaben
Die meisten Kinder mit AD(H)S wissen nicht, ob sie Hausaufgaben
zu erledigen haben. Sie haben es einfach vergessen. Sie haben auch
vergessen, sie aufzuschreiben. Falls sie sie doch aufgeschrieben
haben, dann wissen sie nicht mehr wo.
Das ist keine Absicht, sondern Folge des Aufmerksamkeitsdefizits.
Ein weiteres Problem bei den Hausaufgaben besteht darin, dass AD(H)S-Kinder
sich nicht mehr an den Lösungsweg erinnern können, den
sie im Unterricht gelernt haben. Sie sitzen praktisch vor neuem
Stoff.
Fernseher, Computer, Internet und Gameboy
Die Kinder sind typischerweise fernseh- und internetsüchtig.
Die ständig wechselnden Reize aller elektronischen Medien kommen
ihrer kurzen Aufmerksamkeitsspanne entgegen.
Außerdem enthalten Rückmeldungen vom Computer, z.B. beim
Arbeiten mit einem Lernprogramm, keine Wertung der Person und werden
somit nicht als kränkend erlebt.
Entscheidungsschwierigkeiten
Entscheidungen scheinen ein schier unlösbares Problem darzustellen,
sofern sie nicht impulsiv und unüberlegt getroffen werden.
Probleme mit Übergängen
Übergangssituationen werden nur mit größten Schwierigkeiten
bewältigt. Die Kinder brauchen Pausen zwischen verschiedenen
Situationen und eine kleine Vorbereitung auf das Bevorstehende.
Versagen bei fremdgemachter Hektik
Auf Druck oder Hektik reagieren die Kinder entweder mit Bockigkeit
oder sie sind völlig blockiert. Daraus resultiert auch das
berühmte "Brett vor dem Kopf" z.B. bei Klassenarbeiten.
Gestörte Leistungseinschätzung
Die meisten Kinder können ihre eigenen Leistungen nicht richtig
einschätzen.
Nach Klassenarbeiten haben sie z.B. oft den Eindruck, dass es diesmal
gut gelaufen sei und sind dann von ihrem schlechten Ergebnis furchtbar
enttäuscht.
Gefühlsabstürze
Die Kinder können meist nur schwer über ihre Gefühle
berichten, obwohl sie nicht selten mehrmals täglich eine regelrechte
Berg- und Talfahrt ihrer Emotionen durchleben.
Sie sind total begeistert oder völlig desinteressiert, überglücklich
oder tottraurig, manchmal innerhalb weniger Minuten. Immer sind
es extreme Gefühlslagen.
Das ist für die Kinder sehr belastend, weil sie merken, dass
sie heftiger reagieren als ihre Altersgenossen. Die Umwelt steht
ihren Reaktionen oft verständnislos gegenüber und bringt
das auch zum Ausdruck. Deswegen werden die Kinder durch ihre Gefühlsausbrüche
einmal mehr zum Außenseiter.
Besonders schwierig sind Gefühlsabstürze nach einem Misserfolg.
Die Kinder sind dann felsenfest davon überzeugt, sie seinen
dumm und verlieren jede Motivation. Hier ist seelische Aufbauarbeit
von überragender Bedeutung.
Gerechtigkeitssinn
Auch ihr ungewöhnlicher Gerechtigkeitssinn bringt sie immer
wieder in Schwierigkeiten, insbesondere, weil sie nicht gerade diplomatisch
vorgehen.
Dann hält man sie für disziplin- und respektlos und bestraft
sie. Andererseits ist das, was sie als "gerecht" empfinden,
aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung oft nicht nachvollziehbar.
Schwierigkeiten mit Regeln
Die Kinder haben große Schwierigkeiten, Regeln einzuhalten.
Regeln lassen keinen Raum für eigene Ideen und die Impulsivität
- und deswegen werden sie als langweilig und einengend empfunden.
Das ist ein Grund dafür, dass Straßenszenen für
ADHS-Jugendliche große Anziehungskraft haben. Die Straßenpunks
beispielweise leben ohne alle Regeln oder sogar bewusst gegen sie.
Aggressionen
Die betroffenen Kinder und Jugendlichen entwickeln schnell das Gefühl,
immer und an allem Schuld zu sein und reagieren dann nur noch aggressiv.
Unter anderem deswegen ist die Gefahr der Entwicklung eines oppositionellen
Trotzverhaltens oder einer dissozialen Verhaltensstörung bei
ADHS-Kindern so stark erhöht.
Unordnung
Sie können keine Ordnung halten. Es ist ihnen unmöglich,
ohne klare Anweisungen ihr Zimmer oder ihre Schulmappe aufzuräumen,
weil ihnen die Übersicht fehlt.
Hyperfokussieren
Gelingt es, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, dann sind die Kinder
hellwach, hochmotiviert und sogar in der Lage, zu hyperfokussieren,
d.h. sie können sich über lange Zeit intensiv und hochkonzentriert
mit einer einzigen Sache beschäftigen. In dieser Situation
können sie die Möglichkeit ihrer Intelligenz und Kreativität
ganz ausschöpfen.
Personenbezogenheit
Kinder mit ADHS sind extrem personenbezogen. Deswegen ist der Kontakt
zum Lehrer von entscheidender Bedeutung. Für die Lieblingslehrerin
sind sie motiviert, also auch gründlich und fleißig und
fertigen sogar freiwillig Extraaufgaben an.
Bei einem ungeliebten oder gar verhassten Lehrer werden nicht einmal
die Mindestanforderungen erfüllt. Sie können für
diesen Lehrer tatsächlich nicht lernen, weil sie sich für
ihn nicht selbst motivieren können.
Hilfsbereitschaft
Sehr häufig findet sich eine ausgeprägte spontane Hilfsbereitschaft
in einer von den Kindern als Notlage anerkannten Situation. Dann
packen sie selbstlos und hingebend mit an und unterstützen
den Hilfsbedürftigen mit überraschendem Einfühlungsvermögen.
Hypersensibilität
Sie spüren untrüglich, ob jemand sie mag oder nicht und
ob es jemandem gut geht oder schlecht. Die Hypersensibilität
zeichnet sie positiv aus, läßt sie aber auch bei Zurechtweisungen
erheblich mehr leiden als andere Kinder.
Sie merken auch untrüglich, ob ihnen jemand gewachsen ist oder
nicht. Das gilt keineswegs nur für Spielkameraden, sondern
auch für Eltern und Lehrer.
Kreativität und Großzügigkeit
Sie sind häufig sehr kreativ und haben Ideen für jede
Situation.
Sie sind oft großzügig, sowohl emotional als auch materiell.
Ist man einmal zu weit gegangen mit den Zurechtweisungen und entschuldigt
sich ernsthaft bei dem Kind, dann ist ein echter Neuanfang möglich.
Die Kinder verschenken auch impulsiv Spielzeug oder Süßigkeiten,
wenn sie darum gebeten werden oder den sehnsüchtigen Blick
eines anderen Kindes mitbekommen.
Zähigkeit
Kinder mit ADHS sind außerdem regelrechte Stehaufmännchen.
Sie sind zäh und hart im Nehmen. Tatsächlich haben diese
Kinder oft eine erhöhte Schmerzschwelle und stecken Kratzer
ohne zu zucken weg.
Das gilt besonders für zahlreiche Beulen und Schrammen, die
sie sich zuziehen, aber auch für Mißerfolge, sofern man
sie tröstet und ihnen Mut macht.
Will allerdings jemand ihnen etwas "antun", will zum Beispiel
der Arzt eine Spritze geben, dann braucht man das gesamte Praxispersonal,
um ein solches Kind festzuhalten.
Bettnässen
Nicht selten sind Kinder bis in die beginenden Pubertät hinein
Bettnässer.
Das liegt daran, dass Kinder mit ADHS sehr tief schlafen und nicht
einmal von dem Reiz ihrer vollen Blase aufwachen. Das verlängerte
Bettnässen und ADHS sind also sehr eng miteinander vergesellschaftet.
Depression
Die häufigste zusätzliche Störung ist eine mehr oder
weniger ausgeprägte Depression, die zusätzlich zum ADHS
primär bestehen kann oder sich aufgrund der häufigen Fehlschläge
und Konflikte sekundär entwickelt. Diese Depression muss sehr
ernst genommen werden.
Mit Sicherheit sind viele Kinder mit ADHS unter jenen, die sich
mit ihrem schlechten Zeugnis nicht nach Hause trauen, den Schülernotdienst
anrufen, weglaufen oder sogar einen Selbstmordversuch unternehmen.
Dabei kann es sich um eine Impulstat handeln, aber auch um einen
geplanten Akt der Verzweiflung, z.B. für den Fall, nicht versetzt
zu werden.
Weglaufen von zu Hause
Nicht selten steht das erste unerlaubte und nicht angekündigte
Wegbleiben über Nacht in direktem Zusammenhang mit den Zeugnissen.
Einige Kinder kommen nach ein oder zwei Nächten von allein
wieder zurück, viele verschwinden zwischen 11 und 13 Jahren
für längere Zeiträume oder ganz. Suchaktionen sind
nicht immer erfolgreich.
Angststörungen
Sehr häufig entwickelt sich eine Angststörung, die ebenfalls
zu erheblichen Einschränkungen der Belastbarkeit führen
kann. Eine Angststörung ist bei jüngeren Kinder, etwa
bis zur 3. Klasse, häufiger die Ursache für Schuleschwänzen
als Trotz oder Leistungsverweigerung.
Die Behandlung der Angststörung kann aber erst greifen, wenn
die Ursache für das Versagen und die Angst beseitigt ist. Und
das ist nur durch die Behandlung der primären Störung
möglich, nämlich des ADHS.
zurück zur Übersicht
|